Wissen, wann es etwas zu tun gibt

Im Zug gestern von Berlin nach Frankfurt telefoniert eine Frau sehr laut im Flur, angetrunken, neben ihr zwei leere Piccolo-Flaschen. Sie spricht mit ihrer Mutter, es geht um Krebs. So wie viele Betrunkene wiederholt sie endlos einzelne Sätze.

Kurze Zeit später steht sie vor meinem Abteil: „wo ist mein Koffer, mein Koffer ist weg“, sie weint, jammert,  ständig ruft anscheinend ihr Freund an, immer wieder sagt sie ihm die gleichen Sachen. Sie kommt manchmal ins Abteil, Platz 116 sei der ihre. Ich versuche ihr zu erklären, dass sie hier vorher nicht war, und dass es auch in anderen Wagen die 116 gibt. Sie ist ärgerlich, geht, schimpft. Kommt wieder, das Gleiche. Ich will eigentlich schlafen, meine Ruhe. Keine Chance. Sie jammert und schreit. Die Zugbegeleitung kommt – und geht vorbei.

Na, gut, ich mache mich auf den Weg, gehe zum nächsten Wagen, schaue, ob dort bei 116 ein Koffer zu viel ist… anscheinend nicht. Ich spreche die Frau an, sie soll mir jetzt ihr Telefon geben. Ihr Freund ist dran, ich erkläre ihm die Situation, er beschreibt mir ihren Koffer und wo er ihr den Platz gebucht hat. Es ist im nächsten Wagen. Ich gehe mit ihr dorthin, zweimal dreht sie um, ich rede ihr gut zu. Wir stehen vor dem Abteil, im Gepäckfach ein Koffer, der der ihre sein könnte. Die Mitreisenden antworten auf meine Frage, das diese Frau hier vorher saß, ihre Jacke liegt auf dem Sitz „Ist das ihr Koffer?“ „Ja!“ Sie schaut mich klar an: „Vielen Dank.“ Und sie umarmt mich. Setzt sich hin, wird ganz ruhig.

Auch ich werde ruhig, Zufriedenheit breitet sich aus. Ganz berührt gehe ich in meinen Wagen zurück. Und durch Zufall schaue ich nochmal meine Reservierung an. Und merke, ich sitze im falschen Abteil, mein Platz wäre 114 gewesen, aber bei ihr im Wagen, ihr gegenüber.

Zufall?

Wann wissen wir, dass es Zeit ist zu handeln? Und dass es eine Aufgabe gibt, die jetzt meine ist, und die sonst niemand für mich machen wird?

Vielleicht kommen wir irgendwann zu einer Schule, wo genau das wichtig wird. Wo jeder weiß, welche Aufgaben das Leben für ihn vorgesehen hat. Und „Lehrer“ und „Schüler“ helfen sich gegenseitig darin, den eigenen Weg zu gehen.

Solange das nicht so ist, gehe ich nicht mehr zur Schule, sondern gebe meine Kraft dafür, dass das geschehen kann. Das ist es, was ich gerade weiß, was ich zu tun habe. Noch nicht mehr.

 

Advertisements

2 Kommentare

Eingeordnet unter Uncategorized

2 Antworten zu “Wissen, wann es etwas zu tun gibt

  1. Dieter Stolz

    Liebe Silke,

    ganz herzlichen Danke für diese Zeilen.
    Ich bin so tief berührt, habe Tränen in den Augen.
    Das schreibe ich, während ich gerade dabei bin, eben das zu tun, worum es in Deinem Artkel geht. Deshalb bin ich auf auf Deiner Seite „gelandet“, sicher nicht durch Zufall !!!!!!!!!!!
    Heute ist in Olivers Schule Elternbeiratssitzung, ein neuer Schulleiter stellt sich vor, er ist wohl sehr engagiert. Meine Aufgabe? Ich will meinen teil dazugeben, dass diese Schule sich auf das „Neue“ einlässt. Ich habe dem Schulleiter Artikel von Gerald Hüther zugeschickt, werde heute unter dem TOP „Sonstiges“ einen Vorschlag unterbreiten.
    Ich möchte Dich fragen: Wärest Du bereit, dem Lehrkörper der PHS eine Fortbildung angedeihen zu lassen mit dem Focus: „Bewusst Lehrer sein – Präsenz in der Schule“ ???
    Falls Ja, so würde ich den Kontakt machen.

    Wissen wann es etwas zu tun gibt – UND ES TUN!

    mit herzlicher Umarmung,
    Dieter (aus Frankfurt)

  2. André

    Danke für Deine Transparenz von Herz zu Herz.
    André

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s