Die Praxis der Potenzialentfaltung – das mehrsprachige Klassenzimmer

Ein Gespräch mit Gertrud Graf

Wie gelingt Sprachförderung in einer Klasse mit Berliner Schülern die aus ihren Herkunftsfamilien Wissen aus 11 verschiedene Sprachen mitbringen? In einem Stadtteil mit hohem Ausländeranteil, wo die Mitwirkung von Eltern nicht selbstverständlich ist?

Beim Frühstück mit Gertrud erzählt sie mir von ihrem Projekt in der 7. Klasse einer Berliner Schule in Moabit und ich merke sofort, hier findet wirklich Schülerbeteiligung und Potenzialentfaltung statt. Ein Paradebeispiel für mich. Und das in einer ganz normalen Schule, mit ganz normalem Unterricht…

Sie schafft es, Experten an die Schule zu holen, die Eltern einzubeziehen und den Schülern den  Spaß an der Schule zurückzugeben, denn sie merken: sie können etwas! Und sie bringt auch das ein, was sie selbst gut kann, ganz nach dem Motto von Parker Palmer: Teaching as performance Art, bringe deine eigenen Biographie ein.

Kleine Videoausschnitte aus dem Projekt zeigen, hier geht es den Schülern um etwas, sie sind konzentriert bei der Arbeit, im Team, für sich und für andere. Stolz und gestärkt haben die Schüler auch wieder mehr Energie und Motivation für andere Aufgaben in der Schule. Etwas verändert sich in der Gruppe, manche Eltern erzählen, ihr Kind sei wie ausgetauscht.

Und was ist der Schlüssel zum Erfolg? Wie geht das?

Gertrud geht nicht mit einem fertigen Konzept in die Klasse. Sie schaut zuerst, wer ist da und was bringt jeder mit. Das ist die Basis aller Aktivitäten. Mit der Klasse erarbeitet sie zunächst was die Jugendlichen und Erwachsenen brauchen um zu einer guten Lern- u. Klassengemeinschaft zu werden. Bewusstsein für Verantwortung entsteht, es zeigt sich im Ausführen von kleinen Diensten, bei denen jeder das macht, was er gut kann

Später entstehen mit Hilfe von Fachleuten daraus kleine Erklärvideos in Zweierteams, alle zweisprachig, je nach Hersteller  z.B. mazedonisch und türkisch, oder englisch und polnisch. Die Schüler schneiden, mischen den Ton ab, synchronisieren sich. Die Muttersprache, die viele auch nur schlecht sprechen bekommt Bedeutung. Was ich besonders schön finde: Ein Schüler lässt sich von der Mutter eine sms schicken mit dem genauen Wortlaut. Am Telefon üben sie zusammen die Aussprache. Für die Tonspur für das Video braucht es mehrere Anläufe, bis alles „perfekt“ ist. Man sieht dem Schüler an, dass es ihm wichtig ist! Konzentriert ist er dabei. Die Medien sind wie selbstverständlich verfügbar und auch das Telefon darf benutzt werden. Und ganz nebenbei erweitert sich der Sprachschatz und die Grammatiksicherheit, in der Muttersprache und in Deutsch.

Beim gemeinsamen Abschluss des Projektes werden die Eltern eingeladen. Und sie kommen! Und das im Moabit. Einige von ihnen wurden zuvor auch schon auf Video aufgenommen, als die Aufgabe war: was können deine Eltern und Großeltern. Dabei sind für die Klasse dann auch schon mal Leckereien abgefallen, wenn Mütter als Kostprobe ihres Könnens landestypische Spezialitäten vorbei gebracht haben. Und die Schülerin, die soviel schwätzt und so gerne Briefchen schreibt, hat als Inhaberin der „Poststelle“ die Dankesbriefe an diese Eltern geschrieben…

Ich könnte hier noch weitere Anekdoten erzählen und Beispiele für gelingende Schülerbeteiligung. Aber das kann Gertrud auch selbst… denn sie wird bei LernKulturZeit als Impulsgeberin dabei sein. Das freut mich sehr!

Danke, liebe Gertrud für den inspirierenden Vormittag!

Und hier noch eine kleines Video von Gertrud von ihrem Workshop bei EduCamp Bielefeld:

Institut, Referentin, Autorin, Reisende: http://gertrudgraf.wordpress.com/

Jugendliche bloggen aus der Schule: http://slowlearning.wordpress.com/

Schulgeschichten der Lehrerin:            http://storyburger.wordpress.com/

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Eine Antwort zu “Die Praxis der Potenzialentfaltung – das mehrsprachige Klassenzimmer

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