Lebst du noch in deiner alten Schul-Matrix?

matrix3„Schulnarben“

Den Film „Die Matrix“ hat wahrscheinlich jede/r schon einmal gesehen. Es geht darum, dass die Welt, in der wir leben , uns limitiert erscheint, es sind Bilder, Illusionen, die wir für real halten… Obwohl der Film im Genre Sciencefiction angesiedelt ist, hat er für mich sehr viel mit Realität zu tun.
Was wir glauben, was real ist, insbesondere in Bezug auf uns und unsere Möglichkeiten, ist meist geprägt von unseren Erfahrungen, vielleicht früheren Erlebnissen und Rückmeldungen, wer wir sind und zu was wir in der Lage sind. Die Schulzeit, als sehr wichtige Zeit der Heranwachsens und der Prägung, spielt dabei eine große Rolle.
Es ist erstaunlich, wie viele Menschen bis ins hohe Alter Schulnarben mit sich tragen, die zum Beispiel glauben, sie könnten nicht singen, oder nicht zeichnen, weil sie schlechte Zensuren in Kunst hatten, oder der Musiklehrer oder Chorleiter die entsprechende Aussage getroffen hat. Das ist wie eine Wunde, die vernarbt, aber als Narbe immer noch spürbar bleibt. Ich denke, dass das jeder in größerem oder kleinerem Ausmaß kennt. Und es kann uns heute noch, als erwachsene, selbstständige und verantwortungsbewusste Menschen beeinträchtigen.

Wie bist du intelligent?

In einem Video von Prince AE beschreibt er seinen Weg als angeblich „geistig beeinträchtigtes“ Kind bis zum Uni Abschluss Summa cum Laude. Und es stimmt, wenn er anprangert, dass man Kinder nicht vergleichen sollte, denn wir sind nicht alle gleich begabt. Wir sollten auch nicht mehr fragen, wie intelligent jemand ist, sondern Wie jemand intelligent ist. Das „Intelligent Sein“ auf einer Ebene bedeutet allerdings nicht, dass es nicht auch andere Ebenen gibt, in denen man ebenfalls intelligent ist, vielleicht einen anderen Zugang braucht, oder das Interesse erst zu einem anderen Zeitpunkt entsteht. Diese Wahrheit macht die Gestaltung von passenden Lehr- und Lernumgebungen komplex, und wenn wir es ernst nehmen, impliziert es neue Konzeptionen von Schule und Unterricht.

„I never let my schooling interfere with my education“ (Mark Twain)

Was macht dich aus?

Wie sehr lassen wir uns durch Aussagen definieren?
„What defines you“ fragt  Lizzy Velazquez in einem berührenden TED Talk die Zuschauer. Sie hat eine seltene Krankheit, die sie äußerlich stark zeichnet. Sie wurde als 16-jährige in einem You Tube Video von Klassenkameraden als „Hässlichste Frau der Welt“ bezeichnet, und Kommentare schlugen vor, sie solle sich doch umbringen, so hässlich sei sie. Sie beschreibt in dem Talk ihren Weg aus der Fremd- und die Selbstbestimmung, und wie sie den Spott der anderen als Antrieb für ihren Ehrgeiz nutze.
Das ist ein extremes Beispiel. Oft ist es viel subtiler. Die Gründe, warum wir etwas mögen oder meiden kann sich letztlich auf frühere Erfahrungen beziehen, die wir entweder gerne wieder erleben möchten, oder nie wieder, die Antrieb sein können, Dinge zu verändern. Beide Varianten sind letzlich nicht frei.
Ein Beispiel: Ich hatte ein Coaching mit einer Mutter die nach der „richtigen“ Schule für ihr Kind fragt. Im Verlauf des Gesprächs kommt heraus, dass sie ihr Kind nie auf eine Montessori-Schule schicken würde, denn sie selbst war dort und hat schlechte Erfahrungen gemacht. Wenn Vergangenheit der Antrieb für die Zukunft ist, ist der Blick nicht wirklich frei. Vielleicht wäre diese Montessorischule an ihrem Wohnort mit dieser Lehrerin genau die richtige für ihr Kind? Nicht frei zu sein, sich mit den Zukunft zu verbinden um sich von ihr ziehen zu lassen, sondern sich von der Vergangenheit antreiben zu lassen, verringert die Anzahl an Möglichkeiten der Realität.

Warum Schule verändern?

Ich frage mich oft bei Menschen, die Schule verändern wollen: Von welchem Platz aus tun sie dies? Haben sie schelchte Erfahrungen gemacht und wollen nun vieles verändern oder verbessern, Schule so gestalten, dass sie sich als Kinder dort wohlgefühlt hätten? Oder eben genau anders herum: alles genau so wieder machen wie sie es erlebt haben, und dann verallgemeinern, für andere sei es auch gut.
Universelle Annahmen zu treffen aufgrund von individuellen Erlebnissen macht eng für die Anzahl an Möglichkeiten, die das Leben bietet. Ich denke, ausschließen kann man nicht, dass die Prägungen der Vergangenheit einen Einfluss haben, aber ich glaube, man kann sich bewusster werden, dass es so ist und ein größeres Gewahrsein entwickeln für die inneren Prozesse, die oft unbemerkt verlaufen.

Klassentreffen und Schul-Matrix

Eine interessante Beobachtung mache ich bei „Klassentreffen“. Egal, ob jemand mittlerweile Bankdirektor ist oder Managerin, es dauert nicht lange und alle sind wieder in den „alten“ Rollen, in denen sie viel oder weniger zu sagen hatten, vielleicht Klassenclown waren oder Aussenseiter… Dann haben sich alle wieder in der Schulmatrix niedergelassen. Interessant, wie dauerhaft solche Konstrukte sind…

Was im individuellen gilt, hat auch eine kollektive Komponente. Es gibt in uns allen ein „Bild“ von unserer Schule, das der Ort selbst aufrecht erhält. Wenn ich in eine fremde Schule komme, stellt sich schnell ein „Gefühl“ ein, wie man sich selbst hier als Schülerin fühlt, wie sich hier das Zusammensein gestaltet, was möglich ist an Innovation. Die Informationen im kollektiven Feld sind ein weiterer Faktor, der im Unbewussten die Wahrnehmung von Wirklichkeit beeinflusst.

Beide, Individuen sowie Institutionen, sind auf dem Weg in eine bewusstere Gestaltung von Lehren und Lernen auf die Gewahrwerdung der im Unbewussten ablaufenden Prozesse angewiesen, und auf Räume, in denen das geschehen kann.

Mit dem Bewusstsein von gestern können wir nicht die Gesellschaft von morgen gestalten – und auch nicht die Schulen.

Schuldecodierungs Workshop

Eine Möglichkeit, den eigenen und kollektiven Schulnarben Aufmerksamkeit zu schenken, und alte Muster gehen zu lassen, ist unser Schul-Decodierungsworkshop, vom 2.-4.12.2016, in der Gemeinschaft und Zukunftswerkstatt Schloss Tempelhof, bei Crailsheim. (zur Anmeldung)

Verantwortung

Die Tatsache, dass gerade die Schulzeit wie keine andere Zeit prägend ist für das Leben der jungen Menschen, und Aussagen, Beschämungen und Kritik sich besonders tief einprägen in die „Schutzbefohlenen“, birgt eine große Verantwortung. Dass in Schulen in Zukunft der Raum für die Möglichkeiten weit offen sein kann, impliziert eine LehrerBildung, die das integriert.

Das wünsche ich mir für die Zukunft, Lehrer, Lernbegleiter und Eltern , die sich dieser Herausforderung bewusst sind und die sich um ihre „Schulnarben“ gut gekümmert haben.

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2 Kommentare

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2 Antworten zu “Lebst du noch in deiner alten Schul-Matrix?

  1. Liebe Silke,
    Wunderbar in die Tiefe gegangen. Es hat mich sehr berührt. Mir wurde bewusst, wie schwierig Deine Arbeit ist. Es gibt soviele tolle Lehrer, auch aus meiner Generation, die durch Ihre konstante „Reformarbeit“ müde geworden sind. Sie haben tolle Ansätze, die mit ihrem austreten aus dem Schuldienst verloren gehen und doch waren sie die Vorreiter Deiner Generation. Viele Ansätze in Berliner öffentlichen Schulen sind durch die Schulpolitik der letzten Jahrzehnte zerschlagen worden. Dies war auch mein Grund nicht wieder in diese verkrusteten Strukturen hinein zu gehen, um mich nicht dort „verbrennen“ zu lassen, speziell in Bayern wo ich gestrandet bin. Nur, ich muss gestehen, dass nur ein Rückzug die festen Strukturen nicht aufbrechen werden. Ich kann noch soviel darüber im Freundeskreis reden und dort auch kleine Veränderungen bewirken, zumindest ein Tropfen, der auf dem heißen Stein leider verdampft.
    Ich finde Deinen Workshop „Schul-Decodierung“ sehr interessant und wegweisend um den Schulnarben bewusster zu werden, welchen Einfluss sie auf meinen Lebensweg hatten. Ich werde schauen, ob ich zeitlich daran teilnehmen kann. Ich habe viele „Schulnarben“ und möchte sie nicht mehr als Ausrede nicht in Gang zu kommen benutzen.
    Weiter so, hoffe Du bekommst mehr und mehr Kollegen.
    Alles Liebe,
    Eva-Maria

  2. Thomas

    Gefällt mir! 🙂

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